Oberliga 2026

Rüsselsheim Rays – Erster Frankfurter SC II  6:28

Ohhhh.

Okay, also.

Konzentration.

Joachim.

Ich. Bin. Joachim.

Ein Sieger. Ein Verlierer.

Verlierer esse ich zum Frühstück.

Frühstück. Hey vielleicht sollte ich was frühstücken, ein kleine Happen könnte mir ganz guttun.

Nein, nein, nein, bleib konzentriert!

Joachim.

Ich bin schnell wie ein Blitz.

Deshalb heiß ich Lightning!

Gut, dass ich nicht Lightning heiße. Und schade, dass ich nicht Joachim heiße.

Denn ich durfte ins Tor.

Naja, eigentlich musste ich. Wir hatten kein Personal. Joachim ausgefallen, Freddy nicht da. Die Feldspieler wurden vorne gebraucht. Also blieb nur einer übrig: ich.

Das letzte Mal im Tor? Keine Ahnung. Das letzte Mal überhaupt im Wasser? Irgendwann um Weihnachten herum, glaube ich. Seitdem eher trockene Sportarten betrieben. Oder gar keine. Aber gut. Das Wetter ist schön. Also Badehose einpacken und los.

Am Becken angekommen erst einmal umziehen. Die anderen sind schon da. Ein bisschen Einschwimmen. Also rein ins Wasser.

Puh.

Nach den ersten Bahnen wusste ich wieder, warum Wasserball so anstrengend ist. Die Beine brennen, die Arme werden schwer und die Lunge fragt sich, warum sie plötzlich wieder arbeiten muss. Aber hilft ja nichts. Noch ein paar Würfe aufs Tor. Wobei das in meinem Fall eher bedeutet: ein paar Bälle aus dem Tor holen. Dann Besprechung. Dann Aufstellung.

Alle auf die Grundlinie. Der Schiedsrichter hebt den Arm.

Ein Pfiff.

Los geht’s. Das Wasser spritzt. Alle schießen nach vorne. Ich bleibe hinten. Mein Arbeitsplatz für die nächsten vier Viertel. Ich schaue kurz nach links, kurz nach rechts. Das Tor sieht eigentlich ganz harmlos aus. Dann verlieren wir vorne den Ball. Die Frankfurter kommen. Plötzlich wirkt das Tor riesig. Sie spielen den Ball herum. Noch ein Pass. Noch einer. Ein Schuss. Tor. 1:0. Nicht ideal. Aber okay. Das Spiel ist noch jung. Wir greifen wieder an. Diesmal klappt es besser. Bambi bekommt den Ball, zieht ab und trifft. Jawohl. Ausgleich. Kurzer Jubel. Dann wieder zurück. Als Torwart lernt man schnell: Die Freude hält nie lange.

Die Frankfurter kommen wieder. Und wieder. Und wieder. Mal hält man einen Ball. Mal kommt man mit den Fingerspitzen dran. Mal sieht man den Ball nur noch im Netz einschlagen. Fünfmal muss ich hinter mich greifen und den Ball aus dem Tor holen. Das macht keinen Spaß. Vor allem, weil man jedes Mal zurückschwimmen darf. Dann wird vor meinem Tor gepfiffen. Foul gegen uns. Strafwurf.

Na super. Ich stelle mich auf die Linie. Der Schütze liegt fünf Meter entfernt im Wasser. Ganz entspannt.

Ich dagegen eher nicht.

Ich schaue ihn an.

Er schaut zurück.

Der Schiedsrichter gibt den Ball frei.

Der Schütze wartet.

Ich warte.

Dann holt er aus.

Der Ball kommt.

Mein Arm schnellt hoch.

Ein kurzer Schmerz am Unterarm. Dann höre ich ein Geräusch.

Klack.

Der Ball landet neben dem Pfosten in der Leine. Gehalten. Tatsächlich.

Für einen kurzen Moment fühle ich mich wie ein richtiger Torwart. Leider nur für einen kurzen Moment. Denn der Nachschuss landet direkt im Tor. Trotzdem. Den ersten Ball hatte ich. Das kann mir keiner mehr nehmen. Vorne treffen Bambi und Elias. Wir bleiben irgendwie dran. Nicht wirklich nah dran, aber zumindest in Sichtweite. Dann endet das erste Viertel. Endlich. Ab zum Beckenrand. Einmal tief durchatmen. Vielleicht auch zweimal. Die Beine fühlen sich schon jetzt an, als wären noch drei Spiele zu absolvieren. Dabei kommen erst noch drei Viertel. Der Pfiff ertönt.

Weiter geht’s. Luis gewinnt das Anschwimmen. Schon mal gut.

Wenig später macht er sogar ein Tor. Noch besser. Kurz denke ich: Vielleicht geht hier heute etwas. Die Betonung liegt auf kurz.

Denn Frankfurt legt jetzt richtig los. Immer wieder Konter. Immer wieder schwimme ich rückwärts Richtung Tor. Immer wieder kommt ein Angreifer frei vor mir zum Wurf. Jetzt verstehe ich die Torhüter. Wenn die Abwehr nicht mit zurückkommt, ist man da hinten ziemlich allein. Man versucht groß zu wirken.

Man versucht die Ecke zuzumachen. Man versucht überhaupt irgendetwas.

Manchmal klappt es. Oft nicht. Die Gäste ziehen davon. 4:15. Okay. Neues Ziel. Unter dreißig Gegentoren bleiben. Man muss sich realistische Ziele setzen. Dann ist Halbzeit. Seitenwechsel. Einmal quer durchs Becken. Kurz verschnaufen. Etwas trinken. Die Mitspieler bauen sich gegenseitig auf. Die Stimmung ist erstaunlich gut. Vielleicht, weil wir alle wissen, dass heute nicht viel zu holen ist. Vielleicht auch, weil jeder einfach froh ist, überhaupt genug Leute zu haben. Das dritte Viertel beginnt. Frankfurt macht weiter.

Und weiter.

Und weiter. Sechs Tore bekomme ich eingeschenkt. Wir selbst treffen kein einziges Mal. Irgendwann hört man auf mitzuzählen. Man konzentriert sich nur noch auf den nächsten Angriff. Den nächsten Schuss. Den nächsten Ball. Ab und zu gelingt sogar eine Parade. Die werden gefeiert wie eigene Tore. Muss man auch. Irgendwoher muss die Motivation ja kommen.

Dann das letzte Viertel. Noch acht Minuten. Das schaffen wir. Maria trifft. Sehr schön. Kurz darauf trifft Hamid. Auch schön.

Die Bank jubelt. Ich jubel mit. So viel Energie muss noch sein.

Frankfurt trifft allerdings ebenfalls. Und zwar siebenmal. Langsam werden alle müde. Die Beine werden schwer. Die Pässe ungenauer. Die Konter langsamer. Eigentlich schwimmen wir nur noch hinterher. Der Blick zur Uhr wird häufiger. Sehr viel häufiger.

Dann endlich. Der Schlusspfiff.

Erlösung.

Wirklich Erlösung. Abklatschen mit den Mitspielern. Abklatschen mit den Gegnern. Ein paar nette Worte. Ein paar Witze über meine Torwartkarriere. Dann wird abgebaut. Danach duschen.

Danach rüber zum Kraftraum. Und schließlich ein kühles Getränk.

Plötzlich sieht die Welt schon wieder besser aus. Wir haben deutlich verloren.

Ich habe eine Menge Bälle aus dem Netz geholt. Und morgen werde ich wahrscheinlich Muskelkater an Stellen haben, von denen ich gar nicht wusste, dass es dort Muskeln gibt.

Aber zwei Fünfmeter habe ich gehalten. Und das steht am Ende in meiner persönlichen Statistik.

Also.

Konzentration.

Joachim.

Ich. Bin. Nicht. Joachim.

Ein Sieger. Ja. Ein Verlierer. Auch.

Trotzdem die geilste Mannschaft.

Das Spiel endete 6:28 (3:7|1:8|0:6|2:7), Torschützen: Martin Steinborn (2), Elias Allach (2), Luis Ackermann und Maria Steinborn